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SPS Retrofit Kosten 2026: Was Steuerungsmodernisierung wirklich kostet

Alte SPS, keine Ersatzteile? S7-300 läuft 2035 aus. Wir modernisieren Ihre Steuerung mit minimaler Stillstandzeit – 30-60% günstiger als Neuanlage. Großregion-Experte.

David Prybisch
14 Min. Lesezeit
SPS Retrofit Kosten 2026: Was Steuerungsmodernisierung wirklich kostet

1.Die Retrofit-Dringlichkeit 2026

„Für Ihre S7-300 haben wir kein Ersatzteil mehr." Diesen Satz hören immer mehr Produktionsleiter in der Großregion – und er markiert den Beginn einer tickenden Uhr.

Als Automatisierungsingenieur mit Sitz in Luxemburg erlebe ich diese Situation wöchentlich: Produktionsanlagen, die seit 20 Jahren zuverlässig arbeiten, stehen plötzlich vor dem Aus. Nicht weil die Mechanik verschlissen ist, sondern weil die Steuerung obsolet wurde.

Die Fakten sind eindeutig:

  • Siemens S7-300 Abkündigung: Endgültig seit Oktober 2025 (P.M410)
  • Ersatzteilverfügbarkeit: Nur noch bis ca. 2035 über den Primärmarkt
  • Legacy-Installationsbasis: 60-70% aller KMU-Anlagen in der Großregion laufen noch auf S5/S7-300
  • 85% der KMU arbeiten ohne fortschrittliche Industrie-4.0-Technologie

2.Was kostet ein SPS-Retrofit wirklich?

Die häufigste Frage meiner Kunden lautet: „Was wird das kosten?" Die Antwort hängt vom Umfang ab – aber im Vergleich zur Neuanlage ist Retrofit fast immer wirtschaftlicher.

2.1.Kostentabelle nach Retrofit-Umfang

Retrofit-UmfangTypische KostenStillstandzeit
Edge-Gateway-Overlay (Datenerfassung ohne SPS-Änderung)1.000–10.000 €Stunden
HMI-Modernisierung (nur Bedienoberfläche)5.000–20.000 €1–3 Tage
Antriebsmodernisierung (Frequenzumrichter)10.000–40.000 €3–5 Tage
SPS-Ersatz (Controller-Tausch)30.000–150.000+ €1–4 Wochen
Komplett-Retrofit mit Sicherheitstechnik50.000–200.000+ €2–6 Wochen

2.2.Die 60%-Regel nach Siemens

Branchenfaustregel: Retrofit ist wirtschaftlich sinnvoll, wenn die Kosten unter 60% des Neumaschinenpreises liegen. In der Praxis bedeutet das:

  • Retrofit-Kosten: 30-60% einer Neuanlage
  • Amortisation: 12-36 Monate
  • ROI-Vorteil: 18-24 Monate vs. 4-6 Jahre bei Neuinvestition

2.3.ROI-Berechnung: Warum Retrofit sich rechnet

Bei durchschnittlichen Stillstandskosten in der Fertigung:

  • Fertigung allgemein: 260.000 €/Stunde (Aberdeen Research)
  • Automotive: 2,1 Mio. €/Stunde (Siemens True Cost of Downtime 2024)
  • Öl & Gas: ~500.000 €/Stunde

Rechenbeispiel: Ein Retrofit für 80.000 € amortisiert sich bereits durch 20 Minuten vermiedene ungeplante Stillstandzeit in der Automobilfertigung – oder durch 18 Stunden in der allgemeinen Fertigung.

3.Retrofit-Projekte in der Großregion

Die Erfolgsbeispiele aus unserer Region zeigen, was möglich ist – und dass die Investitionen messbare Ergebnisse liefern.

3.1.Luxemburg: Leuchtturmprojekte

Husky Technologies Dudelange – FEDIL Innovation Award 2024

  • Projekt: NGOM (Next Generation Operating Model) Volldigitalisierung
  • Investment: 3,2 Mio. € staatliche Förderung
  • Ergebnisse: Lieferzeit von 4-5 Wochen auf unter 1 Woche, Stahl-zu-Form in 17 Minuten
  • Technologie: Siemens MindSphere, AGVs mit 5 Tonnen Traglast, digitale Zwillinge

Goodyear Dudelange – Mercury Ultra-Automatisierung

  • Projekt: Vollautomatisierte Reifenfertigung mit additiver Fertigung
  • Investment: 64 Mio. €
  • Kapazität: 500.000 Reifen/Jahr, 4× schneller als Standardverfahren

Guardian Glass Bascharage – Ofenmodernisierung

  • Projekt: Floatglas-Linien-Modernisierung
  • Förderung: Staatliche Investitionsbeihilfe
  • Ergebnis: Verbesserte Energieeffizienz, verlängerte Anlagenlebensdauer

Saarland: Automotive-Transformation

ZF Friedrichshafen Saarbrücken

  • Projekt: E-Mobilitäts-Transformation des 9.000-Mitarbeiter-Werks
  • Investment: Dreistelliger Mio.-€-Betrag
  • Umfang: Komplette Umstellung auf EV-Antriebsproduktion

ZeMA Saarbrücken – Mittelstand-Digital Zentrum

  • Angebot: Retrofit-Demonstratoren, 4.000 m² Testfeld
  • Partner: Airbus, BMW, Bosch, Daimler, Festo, Ford, Miele, Porsche, VW, ZF
  • Für KMU: Kostenlose Testumgebungen für Retrofit-Evaluierung

Mehr zu den aktuellen Automatisierungstrends 2025 in Luxemburg.

4.Der Migrationspfad: S5/S7-300 → S7-1500

Für Best Practices bei der SPS-Programmierung nach der Migration empfehlen wir unseren SPS-Programmierung Leitfaden.

Die technische Migration ist von Siemens vollständig dokumentiert. Die wichtigsten SIOS-Artikel für Ihre Vorbereitung:

SIOS Article IDThema
105106251Kompletter S5→S7-1500 Migrationsguide
109478811S7-300/400→S7-1500 Migration (Hard- und Software)
62100731TIA Portal Migrationsvoraussetzungen
1118413S5/S7 Converter Handbuch
109744280IE/PB Link PN IO (PROFIBUS-PROFINET-Koexistenz)

4.1.Migrationspfad im Überblick

SIMATIC S5 → S5/S7 Converter (STEP 7) → STEP 7 V5.x → TIA Portal Migration → S7-1500

4.2.Was automatisch konvertiert wird

  • Symboltabellen → PLC-Tags
  • AWL-Programme → Strukturierter Text (teilweise)
  • Standard-Funktionsbausteine
  • Grundlegende Kommunikationsparameter

4.3.Was manuelle Nacharbeit erfordert

  • TB/TBN/SU/RU-Befehle (Bit-Test-Operationen)
  • Systemdatenbausteine (DB0, DB1, DX0)
  • Indirekte Adressierung
  • Kommunikationsbausteine (PUT/GET, BSEND/BRCV)
  • Failsafe-Funktionen (komplette Neukonfiguration in TIA Portal Safety)

Migrationspfad: S5 über STEP 7 zu TIA Portal S7-1500

4.4.Hardware-Kompatibilitätsoptionen

Siemens bietet Adapter für schrittweise Migration:

  • I/O-Adapter: Wiederverwendung vorhandener S5-Frontstecker an S7-Modulen
  • IM 463-2 Interface: Weiterbetrieb von S5-Erweiterungsracks an S7-Aufbaurahmen
  • IE/PB Link PN IO: PROFIBUS-PROFINET-Koexistenz für gemischte Netzwerke
  • ET 200 Kontinuität: S5 ET 200 dezentrale Peripherie kann mit S7-Systemen weiterlaufen

5.CE-Kennzeichnung nach Retrofit

Die EU-Maschinenverordnung 2023/1230 ersetzt ab 20. Januar 2027 die bisherige Maschinenrichtlinie 2006/42/EG. Für Retrofit-Projekte ist entscheidend: Wann wird eine wesentliche Änderung ausgelöst?

5.1.Wesentliche Änderung liegt vor, wenn ALLE Kriterien erfüllt sind:

  1. Änderung erfolgt nach Inverkehrbringen
  2. Änderung war vom Hersteller nicht vorgesehen
  3. Änderung beeinflusst die Sicherheit (neue Gefährdung oder erhöhtes Risiko)
  4. Neue Schutzeinrichtungen oder Maßnahmen zur Stabilität erforderlich

5.2.Konsequenzen bei wesentlicher Änderung (Art. 18, EU MV 2023/1230)

  • Der Durchführende wird zum Hersteller
  • Neue Konformitätsbewertung erforderlich
  • Neue technische Dokumentation
  • Neue EU-Konformitätserklärung
  • CE-Kennzeichnung anbringen
  • Dokumentation 10 Jahre aufbewahren

5.3.Keine neue CE erforderlich bei:

  • Like-for-like Komponentenaustausch (baugleich)
  • Routinewartung und Reparatur
  • Vom Hersteller vorgesehene Software-Updates
  • Produktivitätsoptimierungen ohne Sicherheitseinfluss

6.7 Entscheidungskriterien: Retrofit vs. Neuanlage

Die Entscheidung zwischen Retrofit und Neuinvestition hängt von mehreren Faktoren ab. Diese Checkliste hilft bei der Bewertung:

6.1.1. Mechanischer Zustand

  • Maschinenbett, Führungen, Spindeln noch funktionsfähig?
  • Verschleißteile im akzeptablen Bereich?

6.2.2. Ersatzteilverfügbarkeit

  • Steuerungskomponenten noch lieferbar?
  • Sekundärmarkt-Preise wirtschaftlich vertretbar?

6.3.3. Produktionsanforderungen

  • Bestehende Zykluszeiten ausreichend?
  • Qualitätsanforderungen erfüllbar?

6.4.4. Digitalisierungsbedarf

  • MES/ERP-Anbindung erforderlich?
  • Predictive Maintenance gewünscht?

6.5.5. Energieeffizienz

  • IE4/IE5-Motoren wirtschaftlich sinnvoll?
  • Frequenzumrichter-Einsatz möglich? (20-50% Energieeinsparung)

6.6.6. Sicherheitscompliance

  • CE-Nachrüstung nach EN ISO 13849 notwendig?
  • Performance Level (PL) Anforderungen definiert?

6.7.7. Fachkräfteverfügbarkeit

  • Legacy-Spezialisten intern vorhanden?
  • Schulungsaufwand für neue Technologie vertretbar?

Faustregel: Wenn 5 oder mehr Kriterien für Retrofit sprechen und die Kosten unter 60% des Neupreises liegen – modernisieren statt ersetzen.

7.Stillstandszeiten minimieren

Der größte Kostenfaktor bei Retrofit-Projekten ist oft nicht die Hardware, sondern der Produktionsausfall. Mit der richtigen Planung lässt sich die Stillstandzeit auf 20-50% reduzieren.

7.1.Best Practices nach Siemens und Fraunhofer

Phase 1: Vorbereitung (kein Stillstand)

  • Vollständige Programmierung und Simulation in S7-PLCSIM
  • Hardware-Vormontage auf Montageplatte
  • I/O-Adapter für schnellen Anschluss vorbereiten
  • Fall-back-Strategie dokumentieren (S5-Rückkehr möglich halten)

Phase 2: Installation (minimaler Stillstand)

  • Wochenend-/Feiertagsinstallation planen
  • Alte Steuerung zunächst parallel belassen
  • Phasenweise Umschaltung einzelner Anlagenteile
  • 24/7-Bereitschaft des Integrators

Phase 3: Inbetriebnahme (überwachter Betrieb)

  • Intensive Erstüberwachung vor Ort
  • Sofortige Problemlösung
  • Dokumentation aller Anpassungen

7.2.Typische Stillstandsreduktion

ProjekttypGesamtdauerMaschinenstillstand
Einfache SPS-Migration3-4 Wochen2-5 Tage
Standard CNC-Retrofit12-14 Wochen4-6 Wochen
Edge-Gateway (nur Datenerfassung)1-2 TageStunden (bei laufender Produktion)

Kostenvergleich: Retrofit-Kosten von 30-60% gegenüber Neuanlage

8.Fazit: Jetzt handeln – zwei Deadlines rücken näher

Die Fakten sprechen eine klare Sprache:

  • 2035-Deadline: Ende der S7-300-Ersatzteilversorgung
  • 2027-Deadline: EU-Maschinenverordnung mit neuen CE-Anforderungen
  • Jetzt: Optimales Zeitfenster für geplante Modernisierung statt Notfall-Retrofit

8.1.Ihre nächsten Schritte

  1. Bestandsaufnahme: Welche Steuerungen laufen auf S5/S7-300?
  2. Priorisierung: Welche Anlagen sind produktionskritisch?
  3. Budget: Retrofit-Kosten gegen Stillstandsrisiko abwägen
  4. Zeitplan: Migration vor 2035 einplanen

Als Automatisierungsingenieur in der Großregion unterstütze ich Sie bei der Planung und Umsetzung Ihrer Retrofit-Projekte – von der Erstanalyse bis zur Inbetriebnahme.

9.Weiterführende Ressourcen


Über den Autor: David Prybisch ist Automatisierungsingenieur in Luxemburg und spezialisiert auf SPS-Modernisierung, Retrofit-Projekte und weltweite Inbetriebnahmen. Er unterstützt Unternehmen in der Großregion Saar-Lor-Lux bei der Migration von Legacy-Steuerungen zu modernen S7-1500-Systemen.

Schlagwörter

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David Prybisch · SPS · HMI · Inbetriebnahmen

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