CODESYS-Steuerungen ins TIA Portal migrieren

WAGO 750 und PFC, Beckhoff TwinCAT 2/3 oder eine andere CODESYS-Steuerung: Programm, Hardware und Visualisierung kommen auf eine Siemens S7-1500 mit WinCC Unified — erst analysiert, dann im TIA Portal neu aufgebaut und vor Ort in Betrieb genommen.

Schema · CODESYS → TIA Portal
Schema Migration einer CODESYS-Steuerung (2.3/V3) ins TIA Portal (Bestand/Ziel): links CODESYS-Controller mit K-Bus-I/O-Klemmen, Feldbuskoppler an Modbus TCP / EtherCAT und WebVisu im Browser, rechts S7-1500 mit ET 200SP am PROFINET und WinCC Unified auf dem Comfort Panel — übernommen werden Funktion, I/O-Liste und Bildstruktur, das Programm wird von ST in FUP/KOP neu aufgebaut
lesbar für die Instandhaltung — SCL nur, wo nötig
FUP/KOP
statt K-Bus und EtherCAT — I/O auf ET 200SP
PROFINET
Visualisierung neu, Bedienung vertraut
WinCC Unified

Kurz gesagt

Prybisch Automation ist auf das TIA Portal spezialisiert und überführt CODESYS-Steuerungen wie WAGO 750 und PFC100/200 sowie Beckhoff-Steuerungen mit TwinCAT 2/3 auf eine Siemens S7-1500 mit WinCC Unified. Der Bestandscode wird gelesen, analysiert und als IST-Funktionsbeschreibung dokumentiert; das Programm entsteht im TIA Portal neu in FUP oder KOP, lesbar für Ihre Instandhaltung, dazu Hardware-Konzept und Visualisierung — getestet und vor Ort in Betrieb genommen. Den Schaltschrankumbau übernimmt Ihr Elektro-Team oder Elektro-Partner nach der gelieferten I/O-Zuordnungsliste.

Warum jetzt umsteigen?

Viele WAGO- und CODESYS-Steuerungen laufen seit Jahren zuverlässig. Der Engpass ist selten die Steuerung selbst, sondern alles drumherum: Ersatzteile, Programmierumgebung, Betriebssystem. Diese Daten bestimmen den Zeitplan:

  • CODESYS V2.3 ist seit dem 1. Juli 2023 in der Servicephase — es gibt nur noch kostenpflichtige Fehlerbehebungen, keine Weiterentwicklung.
  • WAGO-I/O-PRO, die CODESYS-2.3-Umgebung der 750er-Controller, ist zum 1. Januar 2024 abgekündigt, der Service endete am 1. Juni 2025. Für e!COCKPIT endete der Support am 31. März 2025.
  • Die Controller selbst sind im Auslauf: Last Call für den 750-841 war 2013, für 750-880 und 750-881 der 13. Dezember 2019, für 750-882 und 750-885 der 1. Dezember 2023.
  • Bei anderen Herstellern sieht es ähnlich aus: die Eaton-XIOC-Baugruppen der XC-Reihe sind seit Ende 2023 nicht mehr lieferbar, die Schneider Modicon M258 seit dem 30. Juni 2026 nicht mehr im Verkauf.
  • Bei TwinCAT 2 liegt der Engpass im Industrie-PC: Windows CE 6 ist seit 2018 ohne Support, Windows Embedded Standard 7 seit 2020 — Sicherheitsupdates gibt es nicht mehr.
  • Dazu kommen Gründe ohne Datum: ein Konzernstandard, der Siemens vorgibt, der Wunsch nach einem einzigen Ersatzteil- und Know-how-Lager statt zweier Welten, und ein Programmier-PC mit Windows XP oder 7, der als Einziger noch mit der Steuerung spricht.

Ausgangslage WAGO 750 und PFC

Wie aufwendig der Wechsel von WAGO zu Siemens wird, entscheidet ein Detail: ob das Quellprojekt noch existiert. Ein 750-841, 750-880 oder 750-881 wird mit CODESYS 2.3 über WAGO-I/O-PRO programmiert, ein PFC100/PFC200 je nach Generation mit CODESYS 2.3 oder mit e!COCKPIT beziehungsweise CODESYS 3.5. Auf der Steuerung läuft das Bootprojekt — ein Kompilat, das sich nicht in lesbaren Code zurückübersetzen lässt. Anders als bei einer Siemens S7, deren Bausteine sich auch ohne Offline-Projekt aus der CPU laden lassen, gibt es ohne Projekt keinen Weg zurück:

  • Mit Quellarchiv: Wurde das Quellprojekt damals beim Laden mit auf die WAGO-SPS übertragen (Quellcode-Download in CODESYS 2.3, „Source Download“ in CODESYS 3.5/e!COCKPIT), lässt es sich vollständig zurückholen.
  • Ohne Hersteller-Target: Ein CODESYS-2.3-Projekt lässt sich auch ohne das passende Target öffnen; Bausteine, Aktionen und Taskkonfiguration lassen sich exportieren. Es fehlt die Steuerungskonfiguration mit Hardware und Adressen; die I/O-Zuordnung wird deshalb vor Ort an den Klemmen aufgenommen.
  • Ohne Archiv: Fehlt das Quellprojekt ganz, bleibt Re-Engineering aus dem beobachteten Anlagenverhalten, der I/O-Liste und dem Schaltplan. Das ist mehr Aufwand, aber machbar.
  • In jedem Fall steht am Ende der Analyse eine IST-Funktionsbeschreibung: Sie hält fest, was die Anlage heute tut, und dient später als Abnahmebasis für die neue Steuerung.

Ausgangslage Beckhoff TwinCAT 2/3

Beckhoff-Steuerungen sind meist Industrie- oder Embedded-PCs mit Windows, auf denen TwinCAT als Echtzeit-Laufzeit arbeitet; die I/O hängen als EtherCAT- oder K-Bus-Klemmen am Gerät. Programmiert wird nach IEC 61131-3 — das macht den Code gut lesbar, aber nicht automatisch übertragbar:

  • TwinCAT 2: Das SPS-Projekt enthält typischerweise Bausteine in ST, FUP oder AS; die Hardware-Konfiguration im System Manager liefert die I/O-Zuordnung.
  • TwinCAT 3: Hier kommen objektorientierte Elemente hinzu — Methoden, Eigenschaften, Interfaces, Vererbung. Im klassischen TIA-Portal-Programm gibt es sie nicht; sie werden in Funktionsbausteine mit klaren Ein- und Ausgängen aufgelöst.
  • Was bleibt: Abläufe, Schrittketten und Parameter sind im ST-Code gut nachvollziehbar und bilden die Vorlage für die neuen FUP- und KOP-Bausteine. Was neu entsteht: Hardware, Feldbus, Visualisierung und die Einbindung in die Siemens-Diagnose.
  • Bei TwinCAT-2-Anlagen gibt oft der Industrie-PC den Takt vor: Fällt er aus, ist ein baugleiches Gerät mit dem alten Betriebssystem schwer zu beschaffen.

Was sich übertragen lässt — und was neu entsteht

Vorweg: Es gibt kein Siemens-Werkzeug, das ein CODESYS-Projekt automatisch ins TIA Portal konvertiert — und eine Eins-zu-eins-Übertragung wäre auch nicht das Ziel. Übertragen wird die Logik, nicht die Datei: Die CODESYS-Programmierung wird gelesen, verstanden und im TIA Portal so neu aufgebaut, dass Ihre Instandhaltung sie lesen kann. Das gilt für WAGO genauso wie für andere CODESYS-Steuerungen, etwa Schneider Modicon M2xx, Eaton/Moeller XC, ABB AC500 oder Bosch Rexroth:

  • FUP und KOP als Zielstandard: Die Logik aus ST, CFC und AS wird analysiert und als FUP- oder KOP-Netzwerke neu aufgebaut — mit Symbolik, Netzwerktiteln und Kommentaren. Technisch steht Structured Text dem SCL am nächsten, doch SCL lesen in der Instandhaltung die wenigsten; FUP und KOP lassen sich im Online-Status Signal für Signal verfolgen.
  • SCL nur, wo es fachlich nötig ist: für Berechnungen, Schleifen oder Datenverarbeitung — dann gekapselt in einem Baustein mit klarer Schnittstelle, der im Netzwerk wie jeder andere Baustein aufgerufen wird.
  • Methoden und Interfaces (CODESYS V3, TwinCAT 3) werden aufgelöst: Eine Methode „Quittieren“ wird zum Beispiel zu einem Eingang mit Flankenauswertung im FUP-Netzwerk.
  • Kein Import, kein Konverter: Ein PLCopen-XML-Export aus CODESYS lässt sich nicht direkt ins TIA Portal einlesen. Auch Bibliotheken wie WagoLib oder OSCAT werden nicht übernommen; ihre Funktionen werden mit den Mitteln des TIA Portal nachgebildet.
Fiktiver Baustein FB_Motor im Vergleich: oben CODESYS V3 Structured Text mit TON-Instanz und Methode Quittieren, unten derselbe Baustein im TIA Portal als FUP in drei Netzwerken — Motor ein/aus mit rücksetzdominantem SR-Glied (Start setzt, Stop oder Störung setzt zurück), Anlaufüberwachung mit TON-Multiinstanz (5 s ohne Rückmeldung setzt die Störung), Quittieren als Eingang mit Flankenauswertung R_TRIG statt Methode
Beispiel · FB_Motor in ST und FUP

Hardware und Feldbus: von K-Bus und EtherCAT zu PROFINET

Auf der Hardwareseite wird die Steuerungsebene getauscht: WAGO-K-Bus, EtherCAT oder Modbus weichen PROFINET, die I/O sitzen in einer ET 200SP. Das Hardware-Konzept ist fester Teil des Lieferumfangs:

  • Auswahl von S7-1500 und ET 200SP passend zu Signalanzahl, Signalarten und Reserve, samt PROFINET-Topologie.
  • I/O-Zuordnungsliste: jede Klemme der Altsteuerung mit ihrem Zielkanal — die Arbeitsgrundlage für den Umbau.
  • Den Schaltschrankumbau übernehmen Ihre eigenen Elektriker oder Ihr Elektro-Partner nach dieser Liste; Elektroplanung und Verdrahtung gehören nicht zu meinem Leistungsumfang.
  • Feldgeräte bleiben, wo es geht: Fremdgeräte mit PROFINET-Schnittstelle werden direkt eingebunden, andere über Modbus TCP.

Von der CODESYS-Visualisierung zu WinCC Unified

Für WebVisu und TargetVisu aus CODESYS, e!DISPLAY von WAGO oder TwinCAT HMI gibt es keine automatische Konvertierung nach WinCC Unified. Die Visualisierung wird neu aufgebaut — aber nicht neu erfunden:

  • Bildstruktur, Bedienlogik und Meldetexte werden aus dem Bestand übernommen, damit sich das Bedienpersonal vom ersten Tag an zurechtfindet.
  • Variablen werden direkt an die S7-1500 angebunden; Meldungen laufen über das Meldesystem von WinCC Unified, mit Zeitstempel und Quittierung.
  • Web-Zugriff ist in WinCC Unified eingebaut — wer bisher die WebVisu im Browser genutzt hat, behält diese Möglichkeit.

So läuft die Migration ab

Sieben Schritte vom CODESYS-Bestand zur Siemens-Steuerung:

  1. Bestand sichern — Projektdateien, Quellarchiv von der Steuerung, Bootprojekt, Visualisierung, Schaltpläne; bevor an der Anlage etwas verändert wird.
  2. Analyse und IST-Funktionsbeschreibung — was die Anlage heute tut, Baustein für Baustein, abgeglichen mit dem Verhalten vor Ort; sie wird die Abnahmebasis.
  3. Hardware-Konzept und I/O-Zuordnungsliste — S7-1500, ET 200SP, PROFINET-Topologie; die Liste geht an Ihr Elektro-Team für den Schrankumbau.
  4. Programm und Visualisierung — FUP- und KOP-Netzwerke mit Symbolik und Kommentaren im TIA Portal, SCL nur gekapselt, wo es fachlich nötig ist; Bedienoberfläche in WinCC Unified.
  5. Test — Logik und Bedienung vorab gegen die Funktionsbeschreibung geprüft, wo sinnvoll in der Simulation mit PLCSIM.
  6. Umschaltung und Inbetriebnahme — vor Ort, mit kurzem, vorher geplantem Stillstand.
  7. Dokumentation und Übergabe — Programm, I/O-Liste, Funktionsbeschreibung im Endstand, Einweisung von Bedienung und Instandhaltung.

Häufige Fragen

Kann man ein CODESYS-Programm automatisch ins TIA Portal übertragen?

Nein. Ein Siemens-Werkzeug, das CODESYS-Projekte automatisch konvertiert, gibt es nicht, und auch PLCopen-XML lässt sich nicht direkt importieren. Die Logik wird stattdessen analysiert und im TIA Portal in FUP oder KOP neu aufgebaut, mit Symbolik, Netzwerktiteln und Kommentaren — so, dass Ihr Instandhaltungspersonal das Programm lesen kann. SCL kommt nur dort zum Einsatz, wo es fachlich nötig ist, etwa für Berechnungen, und dann gekapselt in einem eigenen Baustein.

Warum FUP statt SCL?

Weil nicht nur der Programmierer das Programm lesen muss, sondern vor allem Ihre Instandhaltung. Structured Text steht SCL technisch am nächsten, eine Übertragung wäre der bequemere Weg — aber SCL lesen in der Instandhaltung die wenigsten. Im Störfall zeigt ein FUP- oder KOP-Netzwerk im Online-Status direkt, welche Bedingung fehlt. Deshalb ist FUP/KOP der Standard und SCL die gekapselte Ausnahme für Berechnungen und Datenverarbeitung.

Lohnt sich bei einer abgekündigten WAGO 750-881 der Wechsel auf Siemens?

Nicht in jedem Fall. Wer bei WAGO bleibt, kommt oft mit einem Controllertausch aus: Ein CODESYS-3.5-Controller wie der Basic Controller 100 oder ein PFC der zweiten Generation übernimmt die vorhandenen 750er-Klemmen samt Verdrahtung, das Programm wird nach CODESYS 3.5 portiert. Der Wechsel auf eine S7-1500 lohnt sich, wenn im Werk Siemens Standard ist, die Instandhaltung TIA Portal beherrscht, mehrere WAGO-Inseln vereinheitlicht werden sollen oder die Visualisierung ohnehin erneuert wird. Fristen, Programmsicherung und beide Wege im Vergleich beschreibt der Beitrag WAGO 750-881 abgekündigt.

Was passiert mit der WebVisu?

Die CODESYS-WebVisu lässt sich nicht automatisch nach WinCC Unified übertragen, sie wird neu aufgebaut. Bildstruktur, Bedienabläufe und Meldetexte werden aus dem Bestand übernommen, damit sich das Bedienpersonal wiederfindet. Der Zugriff über den Browser bleibt möglich, denn WinCC Unified ist webbasiert.

Wir haben kein Quellprojekt der WAGO-Steuerung — geht das trotzdem?

Zuerst wird geprüft, ob das Quellprojekt damals beim Laden mit auf die Steuerung übertragen wurde (Quellcode-Download in CODESYS 2.3, „Source Download“ in CODESYS 3.5/e!COCKPIT). Liegt nur das Bootprojekt vor, lässt es sich nicht in lesbaren Code zurückübersetzen. Dann wird die Funktion aus dem Anlagenverhalten, der I/O-Liste und dem Schaltplan rekonstruiert und als IST-Funktionsbeschreibung festgehalten — aufwendiger, aber machbar.

Lässt sich ein Beckhoff-TwinCAT-Projekt auf Siemens S7-1500 umstellen?

Ja. TwinCAT 2 und 3 werden nach IEC 61131-3 programmiert, die Logik ist deshalb gut nachvollziehbar und wird im TIA Portal in FUP oder KOP neu aufgebaut. Objektorientierte Teile aus TwinCAT 3 wie Methoden und Interfaces werden dabei aufgelöst, EtherCAT-Klemmen durch PROFINET mit ET 200SP ersetzt und TwinCAT HMI in WinCC Unified neu aufgebaut.

Wer migriert eine WAGO- oder CODESYS-Steuerung als externer Dienstleister ins TIA Portal?

Prybisch Automation, mit Sitz in Luxemburg und Einsätzen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Frankreich. Der Umfang reicht von der Analyse des CODESYS- oder TwinCAT-Bestands mit IST-Funktionsbeschreibung über Hardware-Konzept und I/O-Zuordnungsliste bis zum Programm in FUP/KOP im TIA Portal, Visualisierung in WinCC Unified, Test und Inbetriebnahme vor Ort. Den Schaltschrankumbau übernimmt der Kunde oder sein Elektro-Partner.

Erst den Bestand verstehen

Nennen Sie Steuerungstyp, CODESYS- beziehungsweise TwinCAT-Version und ob ein Quellarchiv oder Projekt vorhanden ist — daraus ergibt sich, wie die Migration aussieht und welcher erste Schritt sinnvoll ist.

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